Stottern

1. Kurzbeschreibung

Stottern ist gekennzeichnet durch deutliche Einschränkungen des rhythmischen Sprechflusses im Sinne einer Verlangsamung. Laute, Silben oder Wörter werden wiederholt bzw. es kommt zu Stockungen und Verzögerungen vor Wörtern bzw. Silben. Unterschieden wird zwischen tonischem und klonischem Stottern.

  • tonisches Stottern: es treten Blockierungen auf. Der Sprecher bleibt im Wort stecken (z.B. k….kommt?).
  • klonisches Stottern: hier kommt es zu Wiederholungen einzelner Silben (z.B. ge…ge…ge… gekauft).

Die Intensität des Stotterns hängt von der sozialen Situation ab und kann stark variieren.

2. Psychische Begleitsymptomatik

Im Rahmen des Störungsverlaufs können sich Angststörungen, Vermeidungsverhalten und Selbstwertprobleme entwickeln.

3. Prävalenz

Die Inzidenzrate für das Stottern beträgt 5 Prozent und die Prävalenzrate liegt bei 1 Prozent wobei im Kindergartenalter die Prävalenz größer als 2 Prozent ist. Jungen sind um den Faktor 3 häufiger betroffen. Die Störung beginnt fast immer vor dem 10. Lebensjahr. Angaben zu Remissionsraten variieren und reichen von 30 Prozent bis 60 Prozent vor dem 18 Lebensjahr. Der Störungsbeginn liegt meistens zwischen dem 4. und 5. Lebensjahr.

4. Diagnostik und Klassifikationssysteme

Im ICD-10 wird Stottern mit F98.5 kodiert. Es sollte nur diagnostiziert werden, wenn die Sprechflüssigkeit deutlich beeinträchtigt ist. Im DSM-IV wird zur Diagnose verlangt, dass das Stottern die schulischen, beruflichen oder die soziale Kommunikation beeinträchtigt.
Vom tonischen und klonischen Stottern ist das physiologische Stottern abzugrenzen. Es tritt zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr auf und hat eine Prävalenzrate von 80 Prozent und bildet sich nach einigen Monaten zurück.

Im Rahmen der Anamnese wird nach Störungsbeginn, bisherigen Verlauf, die bisher durchgeführten Interventionen (z.B. Ergotherapie, logopädische Behandlung) gefragt. Weiterhin werden die Kognitionen des Klienten erhoben, seine soziale Integration, Situationen  in denen die Symptomatik besonders stark auftritt.Für eine genaue Analyse der Symptomatik des Stotterns können Video- bzw. Tonbandaufnahmen erstellt werden, die zu einem späteren Zeitpunkt ausgewertet werden können.

5. Ätiologie des Stotterns

Insgesamt sind die Ursachen des Stotterns noch relativ unklar. Neben genetischen und organischen Faktoren können psychische Faktoren die Symptomatik negativ beeinflussen. Hier ist häufig vom Teufelskreis Stottern die Rede. Stottern führt zur Erwartungsangst beim nächsten mal wieder zu stottern, wodurch das Stottern dann in der kommenden Situation auch stärker wird, da Angst allgemein das Stottern erhöht. Dies führt wiederum zu einer erhöhten Erwartungsangst auch beim nächsten mal zu versagen, wodurch der Teufelskreis von Neuem beginnt.

6. Therapie des Stotterns

Die Therapieziele liegen in der

  • Reduktion des Stotterns,
  • der Behandlung der psychischen Begleitsymptomatik,
  • der Akzeptanz der Störung und der adäquate Umgang mit der Symptomatik.

Hauptinhalt der Therapie stellt eine sprachheilpädagogische Behandlung dar. Hier lernen die Kinder und Jugendlichen häufig ein akzentuiertes, rhythmisches Sprechen, wodurch es zu einer Verringerung der Symptomatik kommt. Weiterhin werden Veränderungen an Tempo und Sprachmelodie vorgenommen. Um das Vermeidungsverhalten vor dem Sprechen zu verringern können kognitive Verfahren, Entspannungsübungen (z.B. progressive Muskelrelaxation) und operante Verfahren vom Therapeuten eingesetzt werden. Die Bezugspersonen, die in den meisten Fällen die Eltern sind sollen lernen, ihre Kinder zu ermutigen, positive Rückmeldungen geben, nicht korrigieren bzw. ergänzen und (falls vorhanden) ein zu hohes Erwartungsniveau zu verändern.

Ein in der Praxis häufig verwendetes Therapieprogramm stellt die Verhaltenstherapeutische Stotterbehandlung von Kern & Kern dar, das im Kohlhammer Verlag erschienen ist. Es besteht aus zwei Teilen wobei im ersten Therapieteil eine simultane Videorückmeldung eingesetzt wird, bei der der Klient verschiedene Techniken erlernen soll (z.B. langsamer zu sprechen, weniger zu pressen, deutlicher zu artikulieren). Im nächsten Baustein soll der Klient lernen Vorläufersymptome des Stotterns zu erkennen, wenn diese eintreten sein Sprechen zu unterbrechen und erneut anzusetzen. Im nächsten Baustein lernt der Klient einzelne Wörter rhythmisch zu sprechen bzw. zu singen, wobei dies schließlich auf Zwei- Drei- und Vierwortsätze erweitert wird. Im zweiten Therapieteil lernt der Klient, das gelernte aus der therapeutischen Praxis in den Alltag zu übertragen. Hier spielen insbesondere die Eltern eine wichtige Rolle, die zunehmend als Kotherapeuten eingebunden werden.

Das Programm von Kern & Kern kann als Intensivtherapie innerhalb einer Woche (zw. 40 und 50 Therapiestunden) oder über mehrere Wochen durchgeführt (Therapiesitzungen zwischen 2 und 4 Stunden). Es ist für Kinder ab 8 Jahren geeignet und es konnten empirisch belegte sehr gute Ergebnisse erzielt werden.