Enuresis

1. Kurzbeschreibung

Enuresis ist die Fachbezeichnung für Einnässen und ist insgesamt weit verbreitet. Sie wird im ICD-10 mit F98.0 kodiert. Bei Enuresis handelt es sich um eine Störung mit unwillkürlichem Urinabgang, der im Verhältnis zum geistigen Entwicklungsstand stark auffällig ist. Eine mangelnde Blasenkontrolle, eine neurologische Erkrankung oder epileptische Anfälle müssen ausgeschlossen werden. Die Blasenentleerung kann entweder bei Tag (Enuresis Diurna) oder in der Nacht (Enuresis Nocturna) stattfinden.
Es wird zwischen zwei Formen der Enuresis unterschieden:

  • Primäre Enuresis: Enuresis als abnorme Verlängerung der infantilen Inkontinenzals
  • sekundäre Enuresis, wobei das Kind schon zeitweilig über Blasenkontrolle verfügte.

Enuresis wird in der Regel erst ab dem 5. Lebensjahr diagnostiziert. Die sekundäre Enuresis tritt in der Regel zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr auf. Zur Diagnosestellung müssen Kinder unter 7 Jahren mindestens zweimal im Monat einnässen. Sind die Kinder älter als 7 Jahre müssen sie mindestens einmal pro Monat einnässen.

Kinder die in der Nacht einnässen, zeigen nur zu 20 Prozent die Symptomatik auch tagsüber. Kinder mit Enuresis Diurna nässen zu 75 Prozent auch nachts ein. Soll Enuresis nach DSM-IV diagnostiziert werden, muss das Einnässen über einen Zeitraum von 3 Monaten mindestens zweimal pro Woche auftreten.

2. Prävalenz der Enuresis

Die Prävalenz der Enuresis nimmt mit zunehmendem Alter ab. Circa 5 Prozent der Zehnjährigen sind betroffen und bei 2 Prozent der 12 bis 14jährigen kann die Störung diagnostiziert werden. Von den 10jährigen sind in etwa 5 Prozent betroffen. Bei den 5jährigen liegt die Prävalenzrate bei 14 Prozent. Die Spontanremissionsrate ist relativ hoch.

3. Primäre Enuresis

Bei der primären Enuresis konnte das Kind in seiner bisherigen Lebensgeschichte keine Blasenkontrolle erreichen. Eine assoziierte psychische Symptomatik findet sich nur selten. Selten findet sich bei dieser Form eine Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung. Der psychopathologische Befund kann jedoch sekundäre Probleme wie einen reduzierten Selbstwert oder eingeschränkte Sozialkontakte zeigen.

Bei der primären Enuresis ist in erster Linie von organischen Ursachen auszugehen. Eine genetische Disposition gilt mittlerweile als gesichert, die sich vermutlich in einer kleineren Blase, schwererer Weckbarkeit (das Kind wacht durch den Urindrang nicht auf) und Polyurie zeigt. Bei Kindern mit Enuresis zeigen sich doppelt so häufig als bei Kindern ohne Enuresis sprachliche Entwicklungsstörungen, die auf eine allgemeine zentralnervöse Unreife hinweisen.

Weiterhin findet sich als weiterer ätiologischer Faktor häufig ein psychisches Bedingungsmodell, das symptomaufrechterhaltend wirkt.

4. Sekundäre Enuresis

Bei der sekundären Enuresis verfügte das Kind schon über eine gute Blasenkontrolle, nässt schließlich jedoch wieder ein. Hier finden sich im Vorfeld häufig belastende Ereignisse (beispielsweise Überforderung in der Schule).

5. Therapie

Klingelhose, Klingelmatte

Mehr als 75 Prozent der Patienten können vom Einsatz der Klingelhose und der Klingelmatte, den sogenannten Weckgeräten, profitieren, die auch als Signalgeräte bezeichnet werden. Einige Autoren sprechen von Erfolgen von bis zu 90 Prozent. Klingelhose und Klingelmatte sollten nur eingesetzt werden, wenn die Einnässfrequenz hoch ist.

Bei den Weckgeräten wird das Signalteil am Körper getragen. Es gibt einen Signal von sich wenn Urin registriert wird. Das Kind soll lernen, dass es das unangenehme Signal durch Aufwachen und nachfolgender Blasenentleerung auf der Toilette beenden kann. Dies führt zu einem Anstieg der Schließmuskel-Kontrolle. Nicht immer wachen jedoch die Kinder auf. In diesen Fällen ist ein Wecktraining indiziert. Hier wird das Kind mit Namen geweckt, wobei in zeitlicher Nähe das Wecksignal des Weckgerätes ausgelöst wird.
Das Therapieziel liegt bei 14 trockenen Nächten hintereinander. Dies erreichen 75 Prozent der Kinder innerhalb von 4 Wochen wobei es im ersten Halbjahr recht häufig zu Rückfällen kommt.

Blasentraining, Unterbrechertraining

Ziel des Blasentrainings und des Unterbrechertrainings ist eine Verbesserung der funktionellen Blasenkapazität und der Wahrnehmung des Harndrangs. Beim Einnässen tagsüber (Enuresis diurna) findet sich häufig eine geringe Blasenkapazität, das durch ein Blasentraining behandelt wird. Sobald das Kind auf die Toilette will, wird von ihm einen Aufschub von ca. 4 Minuten verlangt, wobei die Zeitspanne schrittweise ausgedehnt wird. Bei dem sogenannten Unterbrechertraining soll eine schon begonnene Miktion unterbrochen werden.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen

Operante Verfahren werden häufig bei leichterer Enuresisymptomatik eingesetzt und bei schwerer Symptomatik als zusätzliches Therapieinstrument. Belohnt wird eine vorher festgesetzte Anzahl von trockenen Nächten. Verstärkerpläne sollten dabei geführt werden, die diese für den Klienten in der Regel motivierend wirken. Das Zielkriterium sollte nicht zu hoch gesetzt werden. Intensives verbales positives Verstärken sollte dieses Vorgehen begleiten. Bei leichter bis mittlerer Symptomatik – das Kind nässt weniger als 3 mal pro Woche ein – können bei ca. 30 Prozent der Kinder operante Verfahren ausreichend sein. Nach dem Einnässen wechselt das Kind seine Wäsche selbst. Dieses Vorgehen stellt jedoch keine Bestrafung dar, sondern soll die Selbstkontrolle des Kindes unterstützen.
Medikamentöse Behandlung
Bei der Enuresis nocturna können trizyklische Antidepressiva eingesetzt werden, was bei einem Teil der Kinder zu einer kurzfristigen Verbesserung führt. Stabile Erfolge lassen sich jedoch durch dieses Vorgehen nicht erreichen, sodass die Verwendung auf spezifische Situationen beschränkt bleibt.

Sonstiges
Giggle-Inkontinenz: teilweises Entleeren der Blase durch heftiges Lachen.