Depression bei Kindern und Jugendlichen

In den internationalen Klassifikationssystemen (ICD und DSM) werden zur Diagnose depressiver Symptome bei Kindern die selben Kriterien wie bei Erwachsenen herangezogen. Zu den Basissymptomen der Depression gehören eine gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit und eine Verminderung des Antriebs. Weiterhin finden sich bei der Depression häufig Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen und Selbstwertprobleme.

Je nach Ausprägungsgrad wird zwischen leichten, mittelgradigen und schweren depressiven Episoden differenziert. Von der depressiven Episode muss eine Dysthymie unterschieden werden, die eine depressive Verstimmung darstellt, die vom Ausprägungsgrad her nicht die Kriterien der leichten depressiven Episode erfüllt, dafür aber einen chronischen Verlauf annimmt.

Das klinische Bild einer Depression variiert jedoch deutlich in den verschiedenen Altersgruppen. Nach Birmaher et. al (1996) zeigen Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen häufiger Angstsymptome, körperliche Beschwerden, Albträume und Verhaltensprobleme auf. Nach Kovacs (1996) zeigen depressive Jugendliche mehr Schlaf- und Appetitstörungen und Suizidfantasien als Kinder und mehr Gereiztheit als Erwachsene.

1. Prävalenz

Die Prävalenz klinisch depressiver Kinder und Jugendlicher  liegt bei Kindern im Schulalter bei 2-3% und bei Jugendlichen etwa bei 3-5%. Hohe Komorbiditätsraten der Depression wurden mit Angststörungen und expansiven Verhaltensstören und Störungen mit Substanzgebrauch gefunden.

2. Diagnostik

Als Messinstrumente stehen das „Depressions-Inventar für Kinder und Jugendliche (DIKJ) von Stiensmeier-Pelster, Schürmann & Duda und der „Depressionstest für Kinder (DTK) von Rossmann zur Verfügung. Für die Therapieplanung muss jedoch eine detaillierte Verhaltensanalyse erstellt werden. Dafür muss mit dem Kind eine detaillierte Exploration und  den Eltern (bzw. Lehrern) ein Anamnesegespräch durchgeführt werden. Für kognitiv-behaviorale therapeutische Maßnahmen sollten die typischen Wahrnehmungs-, Denk- und Einstellungsmuster des Klienten identifiziert werden.

Diagnosen
Leichte depressive Episoden (F32.0)
Mittelgradige depressive Episoden (F32.1)
Schwere depressive Episoden (F32.2)
Dysthyme Störung (F33.0-F33.3)
Differentialdiagnosen
Anpassungsstörungen (F43.2) mit kurzen oder längeren depressiven Reaktionen

3. Ätiologie der Depression

Als ätiologische Faktoren werden gegenwärtig folgende Stressoren diskutiert:

  • einschneidende negative Lebensveränderungen (Schul- bzw. Wohnungswechsel)
  • Faktoren, die sich negativ auf das Familienklima auswirken
  • anhaltende Probleme im schulischen Leistungsbereich
  • geringe soziale Kontakte zu Gleichalterigen aufgrund mangelhafter sozialer Fertigkeiten
  • inadäquate Wahrnehmungs- und Einstellungsmuster

4. Therapie

Die Therapiebausteine psychotherapeutischer Verfahren ähneln denen der Therapie bei erwachsenen Klienten. Jedoch sind  Materialien und Vermittlung kindgerecht und die Eltern sind im therapeutischen Prozess eng eingebunden.

  • Training sozialer Fertigkeiten und Kompetenzen
  • Förderung positiv verstärkender Aktivitäten (angenehme Aktivitäten)
  • Modifikation dysfunktionaler automatischer Gedanken, Einstellungen und Überzeugungen
  • Aufbau von Problemlösefertigkeiten (Problemlösetraining)
  • Erlernen eines adäquaten Umgangs mit interpersonellen Problemen (Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit
  • Familientherapeutische Sitzungen in denen dysfunktionale Interaktionsprozesse verändert werden
  • Beratungsgespräche mit den Eltern.

Aufgrund der bisher durchgeführten Therapiestudien kann die kognitive Verhaltenstherapie bei der Behandlung von leichten und mittelschweren Depressionen empfohlen werden. Die Behandlung mit Antidepressiva sollte in Kombination mit psychotherapeutischen Maßnahmen durchgeführt werden. Nach Hazell et al. (1995) kann trizyklische Antidepressiva nicht empfohlen werden. Mittel der Wahl sind gegenwärtig SSRIs (z.B. Fluoxetin und Paroxetin) deren Wirksamkeit in einigen Studien nachgewiesen wurde (z.B. Keller et al. 2002).

5. Medikamentöse Behandlung bei Kindern mit schwerer depressiver Symptomatik

Bei schwerer depressiver Symptomatik bei Kindern stehen dem Kinder- und Jugendpsychiater auch Antidepressiva zur Symptomreduktion zur Verfügung.
Durch die medikamentöse Behandlung kommt es zu folgenden positiven Effekten: Antriebssteigerung, Stimmungsaufhellung, Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, Steigerung des Selbstwertes, Verbesserung des Appetits und Verringerung psychosomatischer Beschwerden.

Die Medikamente werden in folgende Substanzklassen eingeteilt: Zyklische Antidepressiva, Nichtselektive/-trizyklische Substanzen und MAO-Hemmer.

Zu den MAO-Hemmern zählen

  1. Reversible MAO-A-Hemmer: z.B. MoclobemidIrreversible
  2. MAO-A-B-Hemmer z.B. Tranylcypromin

Zu den nichtselektiven/-trizyklischen Substanzen zählen

  1. Serotin-Wieraufnahmehemmer: z.B. Chlomipramin
  2. Gemischte Noradreanlin-5-HT-Wiederaufnahmehemmer: z.B. Amitriptylin
  3. Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer: z.B. Desipramin
  4. Gemischte Wiederaufnahmehemmer und Rezeptorblocker: z.B. Trizyklische Antidepressiva

Zu den zyklischen Antidepressiva zählen

  1. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): z.B. Citalopram, Fluvoxamin, Sertralin
  2. Selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer: z.B. Reboxetin
  3. Noradrenerg/spezifisch serotonerges Antidepressivum: z.B. Mirtazepin