Autogenes Training
1. Kurzbeschreibung und Indikation
Das Autogene Training (häufig
abgekürzt mit AT) ist ein
Entspannungsverfahren, dass neben der progressiven Muskelrelaxation
häufig in Psychotherapien als ein Therapiebaustein verwirklicht
wird. Es kann auch im medizinischen Bereich zur Gesundheitsunterstützung
angewandt werden und unterstützt auch ein allgemeines Persönlichkeitswachstum
bei gesunden Personen. Es wurde von dem Berliner Nervenarzt
Johannes Heinrich Schultz aus der Hypnose weiterentwickelt und
im Jahr 1926 in dem Buch "Autogene Organübung" publiziert. Den
Begriff Autogenes Training verwendete er ab 1928.
Das Ziel des autogenen Trainings
ist die willentliche Auslösung einer Entspannungsreaktion. Dabei
spielen Rückkopplungen über körperliche Vorgänge eine wichtige
Rolle. Beim autogenen Training soll der körperliche Entspannungseffekt
konditioniert werden. Dabei weitet sich in der Folge die körperliche
Entspannung auf den psychischen Bereich aus. Nach ausreichendem
Training kann die Grundeinstellung der Gelassenheit verwirklicht
werden, einem weiteren Ziel des Autogene Trainings.
Autogenes Training kann ab dem
Grundschulalter bis ins hohe Alter durchgeführt werden. Es wird
in der Regel in Gruppen unter der Leitung eines Diplompsychologen
oder eines Arztes gelernt. Die Inhalte werden von den Teilnehmern
schließlich zu Hause weiter geübt. Besondere Anforderungen an den Intellekt
bestehen nicht. Die Indikation für das Autogene Training ist
relativ breit gefasst. Nach Hoffmann (2000) muss der Therapeut
vorsichtig bei Patienten mit somatoformen Störungen sein, da
hier dysfunktionale Selbstbeobachtung bezogen auf somatische
und psychische Vorgänge besteht, die nicht weiter unterstützt
werden sollte. Das autogene Training ist weiterhin kontraindiziert
bei Psychosen wie der Schizophrenie. Diese Kontraindikation
besteht nach Hoffmann (2000) auch für Borderline-Störungen.
2. Ablauf des Autogenen Trainings
Nach Binder (1993) kann das Training
im Rahmen von 12 Sitzungen erlernt werden. Dabei werden die
12 Stunden einem Grund- und einem Aufbaukurs zugeordnet. Der
Grundkurs besteht aus folgenden Inhalten:
- Schwereübung
- Wärmeübung
- Atemerlebnis
- Leibwärmeübung
- Kopf-Stirn-Übung
- Wiederholungs- und Vertiefungssitzung
Der Aufbaukurs besteht aus 5
Sitzungen.
- Wiederholung des Schwere-,
Wärme- und Atemerlebnis
- Wiederholung der Herz-,
Leib- und Kopfübung (zusätzlich Schulter-Nackenübung)
- Unterstützende Konzentrationshilfen,
Thema Schmerzen und Schlaflosigkeit
- Thema Vorsatzbildung über
zwei Sitzungen.
Jede Einzelübung wird während
der Trainingsphase eine bis drei Minuten geübt. Die Übungen
werden in der Regel liegend, können jedoch auch sitzend durchgeführt
werden. Eine lockere Kleidung ist wünschenswert und auch die
Schuhe sollten ausgezogen sein. Während des Übens schließt man
die Augen.
2. Die einzelnen Übungen
Die einzelnen Übungen werden
nacheinander eingeführt. Hier eine kurze Beschreibung einiger
Einzelübungen.
Schwereübung Die
beiden Formeln für die Schwereübung lauten: "ich bin
ganz ruhig" und "der rechte Arm ist schwer".
Dabei wird die Schwere eines Körperteils mit Entspannung gleichgesetzt.
Auf neurophysiologischer Ebene findet sich hierbei ein verringerter
muskulärer Tonus. Jede einzelne Übung wird durch das Zurücknehmen
beschlossen ("Arme fest!", "Tief atmen!",
"Augen auf")
Wärmeübung Hier
lauten die beiden Formeln die Wärmeübung: "ich bin ganz
ruhig" und "der rechte Arm ist warm".
In der Folge: Beide Arme ganz warm". Als Hilfsmittel können
Vorstellungen von warmen bzw. heißen Wasser oder auch eines
Sonnenbades eingesetzt werden. Wissenschaftlich konnte eine
Hauterwärmung und Körpererwärmung nach Durchführung der Wärmeübung
festgestellt werden. Das Prickeln in den Extremitäten entspricht
dabei der Erweiterung der Gefäße.
Herzübung Als
spezifische Formel für die Herzübung stehen zwei zur Auswahl:
"Das Herz schlägt ganz ruhig" oder "Das
Herz schlägt ganz ruhig und kräftig". Hier soll gelernt
werden, sich dem automatisierten Herzschlag passiv zu überlassen
und so die Entspannung verstärken. Es soll nicht trainiert
werden, das Herz langsamer schlagen zu lassen. Von einigen Forschern
wurde vorgeschlagen die Herzübung ausfallen zu lassen, da von
einer Hypochondrisierung durch die Aufmerksamkeitslenkung auf
den Herzschlag wiederholt beobachtet wurde (siehe Hoffmann 2000).
Weiterhin wird diese Übung von vielen Trainierenden als schwer
umzusetzen eingestuft.
Atemübung Hier
kann man aus vier Formeln wählen: "Atmung ganz
ruhig", "Atmung ganz ruhig und gleichmäßig",
"Es atmet mich" und "Es atmet ganz
ruhig in mir". Ziel ist es sich passiv gegenüber der
Atmung zu verhalten, um so die Entspannung zu vertiefen. Auf
physiologischer Ebene lässt sich beobachten, dass die Pausen
zwischen dem Ein- und Ausatmen länger werde, das Einatmen und
auch das Ausatmen länger dauert und sich dadurch die Atemfrequenz
verringert.
Leibübung Die
beiden Formeln lauten: "Sonnengeflecht strömend warm"
und "Leib strömend warm". Das Sonnengeflecht
soll entspannt werden. Zahlreichen Übenden fällt es schwer sich
auf das Sonnengeflecht zu konzentrieren. Sie richten stattdessen
ihre Aufmerksamkeit auf den Magen und wählen aus den folgenden
Formeln aus: "Magen strömend warm" und "Im
Bauch wird es warm". Während der Bauchübung nimmt die
Magensäureproduktion zu und die Blutgefäße erweitern sich. Insgesamt
kommt es zu einer Entspannung des Magen-Darm-Trakts.
Stirnübung Die
Stirnübung wird häufig als letzte Übung einer Trainingssitzung
durchgeführt, die alle oben dargestellten Übungen nacheinander
durchläuft. Hier lautet die Formel "Stirn angenehm kühl".
Literaturhinweise Das klassische
Übungsheft von J.H. Schultz wurde 1989 von Thomas überarbeitet
und ist im Trias Verlag erschienen. Es stellt ein gutes Manual
für den Leiter einer Autogenes Trainingsgruppe dar. Das Standardwerk
von Schultz ist mittlerweile in 20. Auflage erhältlich. Ein
Ratgeber (zum nicht immer empfehlenswerten) Selbstudium mit
Audio-CD gibt es von der Medizinerin Delia
Grasberger
Literatur:
Binder, H. & Binder, K. (1993).
Autogenes Training. Basispsychotherapeutikum. Köln: Deutscher
Ärzte-Verlag Hoffmann, Bernt (2000). Handbuch Autogenes Training. Grundlagen, Technik, Anwendung .
München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
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