Entspannungsverfahren bei Kindern: Autogenes Training, Fantasiereisen und Progressive Muskelrelaxation

1. Kurzbeschreibung

Die Durchführung von Entspannungsverfahren stellen bei der Behandlung zahlreicher psychischer Syndrome und psychosomatischer Störungen häufig eingesetzte und bewährte Therapiebausteine dar.

Im Kinder- und Jugendbereich werden insbesondere folgende Verfahren angewendet: progressive Muskelrelaxation, autogenes Training und Fantasiereisen.

Durch die Anwendung von Entspannungsverfahren kommt es zur Verringerung der muskulären Aktivität, der Erweiterung der peripheren Blutgefäße und zu einer Veränderung der Atmung im Sinne einer Beruhigung. Vom Kind wird die Entspannung als Ausgeglichenheit erlebt und fast immer als angenehm empfunden. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass die Kinder die Erfahrung machen, dass sie durch Selbstinstruktionen in der Lage sind, ihr Verhalten zu steuern.

2. Indikation

Entspannungsverfahren haben sich als wirkungsvoller Therapiebaustein bei ADHS gezeigt. Hier wird häufig die progressive Muskelrelaxation eingesetzt. Weiterhin werden sie bei zahlreichen psychosomatischen Störungen eingesetzt, wie auch bei chronisch kranken Kindern. Es liegen Studien vor, die zeigen, dass Entspannungsverfahren einen positiven Einfluss auf die affektive Symptomatik besitzen (Goldbeck & Schmid, 2003; Platania-Solazzo, Field, Blank, Seligman, Kuh, Schanberg & Saab, 1992).

3. Progressive Muskelrelaxation

Bei der progressiven Muskelrelaxation (PMR) wird durch das bewusste An- und Entspannen eine Entspannung der Muskeln hervorgerufen, die einen allgemeinen Entspannungszustand zur Folge haben. Die Anspannungsphase beträgt ca. 6 Sekunden. Das Kind soll auf den Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung achten. Bevor zur nächsten Muskelpartie übergegangen wird kann eine Muskelgruppe auch noch einmal wiederholt werden.

Bei der progressiven Muskelrelaxation werden nacheinander Hände, Arme, Halsbereich, Schultern, Bauch, Oberschenkel, Unterschenkel und Füße entspannt. Zu Beginn des Trainings werden bei den Händen, den Füßen und Beinen erst die rechte und dann die linke Seite trainiert, die zu einem späteren Zeitpunkt jedoch dann paarweise zusammengefasst werden.

Insgesamt können 7 bis 8 Sitzungen zum Erlernen der entsprechenden Technik als ausreichend angesehen werden.

4. Autogenes Training

Beim autogenen Training (kurz AT) wird durch die Anwendung von Selbstinstruktionen (?Mein linker Arm wird schwer?) eine körperliche und geistige Entspannung (?ich bin ganz ruhig?) initiiert. Der Begründer des autogenen Trainings ist Johannes Heinrich Schultz.
Bei Kindern wird das autogene Training häufig auf die Ruhe- (?ich bin ganz ruhig?), Schwere- (?mein rechter Arm ist schwer?) und Wärmeübung (?mein rechter Arm wird warm?) begrenzt. Insgesamt gibt es beim autogenen Training folgende Übungen

  1. Ruheübung („Ich bin ganz ruhig!“)
  2. Schwereübung („Mein rechter Arm ist schwer“)
  3. Wärmeübung („Mein rechter Arm ist warm“)
  4. Herzübung („Das Herz schlägt ruhig und gleichmäßig“)
  5. Atemübung („Die Atmung geht ruhig und gleichmäßig“)
  6. Leibübung („Das Sonnengeflecht ist strömend warm“)
  7. Stirnübung („Die Stirn ist angenehm kühl“)

Die Entspannungsformeln (z.B. „Ich  bin ganz ruhig“) werden zu Beginn vom Therapeuten gesprochen und später vom Klienten übernommen.

Es liegen verschiedene Manuale und Vorgehensweisen für verschiedene Altersstufen vor. Angepasste Versionen sind ab dem Kindergartenalter verfügbar. Als Therapiematerial können die Die Kapitän-Nemo-Geschichten verwendet werden. Hier werden die ersten beiden Grundübungen des Autogenen Trainings durchgeführt. Sie sind geeignet für Kinder im Alter zwischen 4 und 12 Jahren.

5. Fantasiereise

Bei der Fantasiereise werden gelenkte, positive Tagträume produziert, um Stress zu verringern und Lösungswege zu visualisieren.
Fantasiereisen gehören zu den imaginativen Verfahren. Hierbei wird unterschieden, ob der Übende selbst in der Geschichte vorkommt oder ob eine Fantasiefigur die Hauptrolle übernimmt. Weiterhin lassen sich Fantasiereisen danach einteilen, ob Elemente anderer Entspannungsverfahren (meistens Übungen des Autogenen Trainings) integriert werden.
Einige Wissenschaftler sehen Fantasiereisen insbesondere für Kinder unter 10 Jahren als geeignete Entspannungsübung an, die beim isolierten Üben des Autogenen Trainings oder der progessiven Muskelrelaxation noch zu überfordert wären.

6. Biofeedback

Beim Biofeedback werden physiologische Prozesse akustisch und / oder optisch zurück gemeldet. Mittels dieser Rückmeldung (Feedback) soll der Klient lernen die Prozesse willentlich zu beeinflussen. Anwendungen existieren beispielsweise für Kopfschmerzen (Kröner-Herwig, Plump, Pothmann, 1992)

Inhaltlich verwandte Texte
Progressive Muskelrelaxation – Darstellung der progressiven Muskelrelaxation bei Kindern
Depression – Text über Depression bei Kindern und Jugendlichen.

Genannte Quellen

  • Goldbeck, L., Schmid, K. (2003). Effectiveness of autogenic relaxation training on children and adolescents with behavioral and emotional problems. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 42 (9), 1046-1054.
  • Kröner-Herwig, B., Plump, U., Pothmann, R. (1992). Progressive Relaxation und EmG-Biofeedback in der Therapie von chronischem Kopfschmerz bei Kindern. Der Schmerz, 6, 121-127.
  • Platania-Solazzo, A., Field, T.M., Blank, J., Seligmann, F., Kuhn, C., Schanberg, S., Saab, P. (1992). Relaxation therapy reduces anxiety in child an adolescent psychiatric patients. Acta Paedopsychiatrica, 115-120.