ADHS

1. ADHS – Begriffe und Klassifikationssystemen

ADHS stellt eine gebräuchliche Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung dar, die im ICD-10 als „Einfache Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung“ bezeichnet wird und mit der Ziffer F90.0 kodiert wird.
ADHS wird insbesondere bei Kindern diagnostiziert und umschreibt einen Symptomkomplex aus geringer Aufmerksamkeitsleistung, erhöhter Impulsivität und hyperaktivem Verhalten. Die Prävalenz beträgt ca. 3 bis 5 Prozent, wobei Jungen ca. dreimal häufiger betroffen sind.
In der Therapie wird häufig eine medikamentöse Behandlung (Wirkstoff Methylphenidat) erwogen, die bei den meisten betroffenen Kindern zu einer raschen Symptomreduktion führt. Neben den Medikamenten haben sich Elterntrainings und Konzentrationstrainings für Kinder als wirksam erwiesen.

  • ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.
  • ADHD: Attention deficit hyperactivity disorder (engl. Bezeichnung)
  • ADS: Aufmerksamkeitsdefizitstörungen ohne hyperaktive Komponente. Der Begriff wird aber häufig auch als Oberbegriff für Aufmerksamkeitsstörungen verwendet unter den Aufmerksamkeitsstörungen mit und ohne Hyperaktivität subsumiert werden.
  • HKS: Hyperkinetische Störung. ADHS wird häufig auch als HKS bezeichnet.
  • Hyperkinesie: gesteigerte Motorik; insbesondere der Skelettmuskulatur mit zum Teil unwillkürlichen Bewegungen. Kommt u.a. bei ADHS vor.

Eine organische Basis der Symptome wurde zum erstenmal von Still im Jahre 1902 vermutet, der die Kombination von Überaktivität, Aufmerksamkeitsstörung und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern beschrieb. Später wiesen Begriffe wie
MCD (minimal cerebral dysfunction) oder das in der Schweiz noch gebräuchliche POS (Psychoorganisches Syndrom) auf den vermuteten organischen Ursprung hin. Unter einem Syndrom versteht man eine Gruppe zusammengehörender Symptome.

Im ICD-10 werden die hyperkinetischen Störungen differenziert in

  • „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ (F90.0) (Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität) und
  • „Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“ (F90.1)(zusätzlich Störung des Sozialverhaltens).

Im DSM-IV wird der Symptomkomplex als „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ bezeichnet, der im klinischen Alltag häufig durch den Begriff der Aufmerksamkeitsstörung ersetzt wird. Nach den Kriterien des DSM-IV kann auch eine Aufmerksamkeitsstörung ohne hyperaktive Symptomatik diagnostiziert werden.

Die APA (American Psychiatric Association) bezeichnet die Störung als Aufmerksamkeitsstörung.

Die Prävalenz beträgt 3 bis 5%. Jungen sind um den Faktor 3 bis 6 häufiger betroffen.

 

2. Symptomatik der ADHS

2. 1 Kernsymptomatik von ADHS

„Durchgehendes Muster von Unaufmerksamkeit, mangelnder Impulskontrolle und vermehrter allgemeiner motorischer Aktivität. Die Symptomatik tritt situationsübergreifend in verschiedenen Lebensbereichen auf (z.B. Schule, Familie, Freundeskreis).

Der Begriff der Unaufmerksamkeit beschreibt die mangelnde Aufmerksamkeitsorientierung und Zielgerichtetheit des Verhaltens. Einzelheiten werden nicht beachtet und die Kinder verlieren rasch das Interesse an den Sachen, mit denen sie augenblicklich beschäftigt sind. Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht. Sie wirken sprunghaft und ablenkbar. Bei Aufgaben verlieren sie häufig ihr Ziel aus den Augen und vergessen, was sie eigentlich tun wollten. Die Hyperaktivtät umschreibt die motorische Unruhe der Kinder. Sie können beispielsweise nicht ruhig sitzen, sondern zappeln und rutschen auf dem Stuhl umher. Sie tollen übermäßig herum. Übermäßigen Rededrang trifft man häufig an. Der Begriff Impulsivität umschreibt das vorschnelle und unbedachte Verhalten. Beim Bearbeiten von Aufgaben reagieren die Kinder oft voreilig, was zu vermehrten Fehlern führt. Bei Gruppenaktivitäten können sie nur schwer abwarten. In standardisierten Situationen (Unterricht) verstoßen sie oft gegen die Regeln.

„Im Kindesalter zeigen sich insbesondere eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, oppositionelles Verhalten und Hyperaktivität. Bei Jugendlichen reduziert sich meist die Hyperaktivität, es treten jedoch oppositionelle Verhaltensweisen und impulsive Symptome (bis hin zu aggressiv-dissozialen Störungen) in den Vordergrund. Die Kernsymptome bestehen unbehandelt bei 30% der betroffenen Kinder bis ins Erwachsenenalter fort.

Lauth und Mackowiak (2004) untersuchten das Unterrichtsverhalten von Kindern mit ADHS. Dabei ließen sich signifikante Unterschiede zu Kindern ohne ADHS in den Bereichen „aktiv störendes Verhalten“ und „passives Verhalten“ erkennen. Eine große Metaanalyse aus dem Jahr 1992 (Platzmann et al.) zeigte, dass negative Vokalisationen, allgemeines Aktivitätsniveau, Grobmotorik und ungeeignete Aufmerksamkeitssuche die Verhaltensweisen sind, die ambesten zwischen Kindern mit ADHS und Kindern ohne ADHS differenzieren.

 

2.1 Psychische Korrelate

Die Informationsverarbeitung scheint insbesondere dann gestört zu sein, wenn die Anforderungen quantitativ gesteigert werden. Störungen zeigen sich schon auf sehr frühen Informationsverarbeitungsstufen. Langsamere und variablere Reaktionszeiten sowie hohe Fehlerraten wurden wiederholt empirisch bestätigt. Ein ADHS-typisches Aufmerksamkeitsprofil konnte nicht gefunden werden. Die Kapazität der Aufmerksamkeit
scheint nicht reduziert zu sein. Die Problematik liegt vermutlich mehr beim kontrollierten Einsatz der energetischen Ressourcen. Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen wurden vielfach bestätigt. Diese exekutiven Funktionen sind  verantwortlich für problemlösendes Denken, zielgerichtetes und flexibles Verhalten sowie für die Selbststeuerung  von Antrieb, Motivation und Affekt. Kinder mit ADHS reagieren mit stärkeren Leistungseinbußen auf Belohnungsaufschub und auf den Wechsel von    kontinuierlicher zu intermittierender Verstärkung.

2.2 Psychophysiologische Korrelate

Im Spontan-EEG finden sich bei Kindern mit ADHS häufiger mehr langsame und weniger schnelle Aktivität, eine mangelnde topographische Differenzierung des Alpha-Grundrhythmus sowie Vertex- und okzipitale Transienten.

3. Diagnostik der ADHS

Die Symptomatik muss vor dem Alter von sechs Jahren auftreten. Insgesamt zeigt sich eine hohe Komorbidität mit anderen Störungen. Insbesondere ist ADHS mit oppositionellen Verhaltensstörungen (ca. 40%), aggressiv-dissozialen Störungen (60 %), Angst (29%) und Depressionen (ca. 27%) vergesellschaftet.

3.1 Die Kriterien der Diagnosesysteme für ADHS

In diesem Kapitel werden die Kriterien der Diagnosesysteme DSM und ICD dargestellt und ihre Unterschiede beschrieben. Die Kriterien beider Systeme für eine Aufmerksamkeitsstörung ähneln sich sehr und die Unterschiede sind für den Praktiker nicht relevant. In der medizinischen Versorgung der BRD wird ausschließlich nach den Kriterien des ICD-10 diagnostiziert, wohingegen der DSM in der psychologischen Forschung verwendet wird.

Symptome der Unaufmerksamkeit nach dem DSM IV (1994, dt. 1996)

Wenigstens 6 über den Mindestzeitraum von 6 Monaten aus den folgenden 9 Symptomen:

  • hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerskamkeit bei Aufgaben, anderen Tätigkeiten oder beim Spielen aufrechtzuerhalten
  • scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn / sie ansprechen
  • führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen,
  • hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
  • vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die längerandauernde geistige Anstrengung erfordern
  • verliert häufig Gegenstände, die er / sie für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt
  • lässt sich öfter durch äußere Reize leicht ablenken
  • ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich.

Symptome der Hyperaktivität nach dem DSM IV (1994, dt.1996)

Wenigstens 6 über den Mindestzeitraum von 6 Monaten aus den folgenden 9 Symptomen:

  • zappelt häufig mit Händen und Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
  • steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, häufig auf oder klettert exzessiv in Situationen, in denen das unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt sein),
  • hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
  • ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals als wäre sie / er „getrieben“
  • redet häufig übermäßig viel
  • platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
  • kann nur schwer warten, bis sie / er an der Reihe ist,
  • unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder in Spiele anderer hinein).

Im DSM IV sind die Symptome der Impulsivität unter Hyperaktivität untergeordnet (in der Kriterienauflistung etwas abgesetzt).

Folgende Diagnosen können nach dem DSM IV vergeben werden:

„Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung: Mischtyp“
„Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung: Vorwiegend unaufmerksamer Typ“
„Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung: Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ“.

Im ICD-10 sind für die Diagnose der „einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitstörung“ Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit notwendig. Die beeinträchtigte Aufmerksamkeit zeigt sich darin, dass Tätigkeiten nicht beendet werden und von einer Aktivität zur anderen gewechselt wird. Diese Defizite in Aufmerksamkeit und Ausdauer sollten nur dann diagnostiziert werden, wenn sie im Verhältnis zum Alter und Intelligenzniveau des Kindes sehr stark ausgeprägt sind. Die Überaktivität im ICD-10 ist mit den Symptomen der Hyperaktivität im DSM IV inhaltsgleich. Folgende Begleitmerkmale stützen die Diagnose: Distanzlosigkeit in sozialen Beziehungen, Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen und impulsive Missachtung sozialer Regeln.

Folgende Diagnosen können nach ICD-10 vergeben werden:

„Einfache Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung“ F90.0) und die
„Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“ (F90.1).

 

3.2 Die Anwendung von Fragebögen in der Diagnostik

Im Rahmen einer multimodalen Diagnostik sollte neben der Verhaltensbeobachtung des Klienten, einer Elternanamnese auch Lehrer befragt werden. Der Diagnostiker kann zur Entscheidungsfindung auch die Diagnose-Checkliste für Hyperkinetische Störungen (DCL-HKS) von Döpfner und Lehmkuhl (1998) einsetzen. Weiterhin befinden sich im Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischen und oppositionellem Problemverhalten (THOP) zahlreiche Fragebögen (auch für die Bewertung der Symptomatik durch die Eltern) und halbstrukturierte Interviews.Ein weiterer Fragebogen, der zur Diagnostik von ADHS gewinnbringend eingesetzt werden kann, ist das „Inventar zur Erfassung von Impulsivität, Risikoverhalten und Empathie bei 9-14-jährigen Kindern“ von Stadler, Janke und Schmeck. Die Skala Impulsivität diskriminiert zuverlässig zwischen Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und einer gesunden Kontrollgruppe. Diese Skala erfasst anhand von 16 Items Aspekte kognitiver und motivationaler Impulsivität.
3.3 Leistungstests im Rahmen der ADHS-Diagnostik

Bei Anwendung von Tests zur Erfassung der Aufmerksamkeitsleistung sollte darauf geachtet werden, dass die Testdauer mehr als 20 Minuten beträgt, da die kurzfristige Aufmerksamkeit bei Kinder mit ADHS nicht unbedingt gestört ist.

KT 3-4: Konzentrationstest für 3. und 4. Klassen; von R. Heck-Möhling. Ist für Schüler der dritten und vierten Klasse geeicht. Erfasst die Genauigkeit, das Arbeitstempo und die Art der Fehler bei einer Konzentrationsleistung. Würfelfiguren müssen miteinander verglichen werden. Zwanzig Minuten reine Arbeitszeit.
TPK: Testreihe zur Prüfung der Konzentrationsfähigkeit; von E. Kurth und G. Büttner. Kann bei Schülern von der 2. bis zur 6. Klasse angewendet werden. Misst die Leistungsmenge, Leistungsgüte und Stabilität bei wechselnden konzentrativen Anforderungen. Vierzig Minuten reine Arbeitszeit.
KLT-R; Konzentrations-Leistungs-Test Revidierte Fassung; von H. Düker und G.A.Lienert. Geeignet für sämtliche Klassenstufen. Erfasst werden sowohl die Quantität als auch die Qualität der Dauerbeanspruchungen und des Leistungsverlaufs. Die Bearbeitungsdauer beträgt ca. 20 Minuten.

 

3.4 Unterscheidung zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration

Bei der Darstellung der Testdiagnostik sollte näher auf die Konstrukte Aufmerksamkeit und Konzentration eingegangen werden. Aufmerksamkeit und Konzentration werden von Laien oft synonym verwendet, beschreiben jedoch zwei verschiedene kognitive Vorgänge.

Schmidt-Atzert et al. (2004) analysierten beide Konstrukte und bieten folgende Definitionen an:

Aufmerksamkeit wird als das selektive Beachten relevanter Reize oder Informationen definiert und stellt somit ein wahrnehmungsnahes Phänomen dar.  Konzentration wird als Fähigkeit definiert, unter Bedingungen schnell und genau zu arbeiten, die das Erbringen einer kognitiven Leistung normalerweise erschweren.

Aufmerksamkeit wird also dem Wahrnehmungsprozess zugeordnet, während die Konzentrationsfähigkeit eine Aussage über die Güte der Bearbeitungsleistung trifft.

Als Untersucher sollte man weiterhin darauf achten, dass Aufmerksamkeit ein mehrdimensionales Konstrukt darstellt. Man unterscheidet dabei die geteilte Aufmerksamkeit (z.B. diktierten Text aufschreiben – es wird gleichzeitig Zuhören
und richtiges Schreiben gefordert) von der fokussierten Aufmerksamkeit (z.B. Rechenaufgabe bei Nebengeräuschen lösen – es wird gefordert, dass störende Geräusche ausgeblendet werden) und der Daueraufmerksamkeit (wie lange
kann die Aufmerksamkeit über die Zeit hinweg aufrecht erhalten werden). Dabei kann es je nach selektiver Beeinträchtigung zu spezifischen Leistungsstörungen kommen (Büttner & Schmidt-Atzert, 2004) Tests erfassen häufig Tempo- und Fehlerwerte, deren Summe den Testwert ergeben. Da beide Kennwerte unabhängig voneinander sind, kann in Einzelfällen die alleinige Betrachtung des Gesamttestwertes zu Fehlinterpretationen führen. So führen beispielsweise hohe Bearbeitungsgeschwindigkeit bei hoher Fehlerquote zum selben Gesamttestergebnis, wie eine mittlere Fehlerquote bei durchschnittlicher Bearbeitungsgeschwindigkeit, obwohl die zugrundeliegenden Fertigkeiten deutlich von einander zu unterscheiden sind.

3.5 Differenzialdiagnostik

Defizitäre Aufmerksamkeitsfunktionen weisen nicht ausschließlich auf ADHS hin. Aufmerksamkeitsprobleme gehören auch zur Symptomatik von affektiven Störungen (Angststörungen und depressive Störungen), psychotischen Störungen, Intelligenzminderungen, treten bei schulischer Über- und Unterforderung auf und können auch zur Symptomatik spezifischer neurologischen Erkrankungen gehören, an die bei der Differentialdiagnose gedacht werden muss. So kann eine „erhöhte Ablenkbarkeit“ bei Hausaufgaben auch auf Vermeidungsverhalten im Rahmen einer oppositioneller Verhaltensproblematik hinweisen.

Typischerweise tritt die die Aufmerksamkeitsproblematik in mehreren Lebensbereichen auf. Diese kann in ihrer Intensität im Rahmen verschiedener Settings jedoch unterschiedlich ausgeprägt sein. Fast immer zeigt sich eine starke Symptomatik im Schulunterricht. Wenn sich das Kind in einer neuen Umgebung befindet bzw. nur mit einer Person zusammen ist oder einer attraktiven – wenn auch geistig anstrengenden – Beschäftigung nachgeht (z.B. Computerspiel) kann die Symptomatik nicht auftreten, was aber nicht als Ausschlusskriterium interpretiert werden sollte.

Problematisch für die Diagnostik ist auch das gleichzeitige Auftreten von Symptomen aus dem Bereich der Legasthenie und der Aufmerksamkeitsstörung. So können legasthene Kinder als psychische Folgesymptomatik Anteile einer ADHS-Symptomatik zeigen, wie auch Kinder mit ADHS, Symptome einer Legasthenie aufweisen können. Hier ist es wichtig, dass genau diagnostiziert wird und insbesondere darauf geachtet wird, welche Symptome zuerst im Lebensverlauf auftraten, um so auf die ursächliche Störung schließen zu können. Neben dieser Problematik gibt es jedoch auch Kinder, bei denen ADHS und Legasthenie gleichzeitig vorliegen und auch beide Störungen diagnostiziert werden sollten.

3. Ätiologie der ADHS

ADHS wird durch genetische Faktoren verursacht, die Störungen im Neurotransmitterstoffwechsel bewirken. Hinzu kommen weitere innere psychische Faktoren sowie Umweltbedingungen, die den Grad der Symptomatik mitbestimmen

Dopaminmangel an postsynaptischer Membran
Aktuell geht man von einer Fehlregulation des Dopaminstoffwechsels (dopaminerge Hypofunktion) bei Kindern mit ADHS aus. Dabei zeigt sich eine erhöhte Wiederaufnahme des Dopamins durch die präsynaptische Membran, wodurch im synaptischen Spalt ein Dopaminmangel herrscht. Weiterhin wird eine erniedrigte Sensitivität der Dopamin-Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran diskutiert. Dies ist vermutlich die Ursache für die Fehlregulationen bei den fronto-subkortikalen Regelkreisen, die an der Steuerung von Motorik, Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen beteiligt sind (Kontrollfunktionen sind unterdurchschnittlich ausgeprägt).
Der Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin) blockiert die präsynaptische Wiederaufnahme, sodass Dopamin an der postsynaptischen Membran länger zur Verfügung steht.

Kortikale Untererregung
Von Satterfield (1978) stammt die populäre These, dass Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen unter einer kortikalen Untererregung leiden. Von daher sind sie bemüht, durch vermehrte Reizsuche (= Aktivität) ein günstigeres Aktivierungsniveau herzustellen. Das unruhige Verhalten der Kinder stellt also den Versuch dar, sich selbst zu stimulieren. Weiterhin führt nach Satterfield die kortikale Untererregung zu einer unzureichenden Hemmungskontrolle, was das impulsive Verhalten weiter verstärkt.

Kortikale Übererregung
Eine alternative Erklärung ist, dass Kinder mit ADHS aufgabenirrelevante Störreize schlechter ausblenden können. Die wesentlichen Informationen werden also nicht optimal erfasst. Es kommt zu (1) einer Überstimulation, (2) kognitiven Überlastung und (3) einer reduzierte Fähigkeit, die eingehenden handlungsrelevanten Informationen zu verarbeiten.

Weitere Befunde

  • Starke genetische Befunde: Kinder mit ADHS haben ungefähr viermal häufiger Verwandte mit ADHS als gesunde
    Kinder. So lassen sich ca. 70 der interindividuellen Unterschiede auf genetische Faktoren zurückführen (Martin,
    Levy, Pieka & Hay, 2006).
  • Befunde zur Bedeutung von Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sind nicht eindeutig. Diskutiert wird
    der Einfluss hypoxischer Zustände bei der Geburt.
  • Der Zusammenhang zwischen Neurodermitis und ADHS-Symptomatik konnte nicht belegt werden. Eventuell
    handelt es sich um eine Subgruppe ADHS-Betroffener.
  • Mütterliches Rauchen während der Schwangerschaft steht im Zusammenhang mit dem gehäuften Auftreten bei
    Kindern mit ADHS.
  • Studien weisen auf eine Entwicklungsverzögerung der elektrischen Hirnreifung um etwa zwei Jahre hin.

Psychische Faktoren

Ungünstige psychosoziale Bedingungen in der Kindheit sind bedeutsam, scheinen jedoch keine primäre Ursache der ADHS zu sein. Sie tragen aber zum Schweregrad und der Stabilität der Symptomatik bei. Folgende Faktoren werden diskutiert:

  • Inkonsequentes Erziehungsverhalten kann die Entstehung externalisierender Störungen begünstigen.
  • Häufig liegt eine gestörte Mutter-Kind-Interaktion vor: Mütter von Kindern mit ADHS loben und unterstützen ihre Kinder weniger in experimentellen Spielsituationen.
  • Auch zeigen die Mütter häufiger ein bestrafendes Verhalten in der Interaktion mit ihrem Kind.
  • Vermutlich spielen bezüglich des Schweregrades der Symptomatik auch motivationale Faktoren beim Kind eine wichtige Rolle.Anders wäre es nicht erklärbar, wie Kinder mit ADHS bei spezifischen Aktivitäten (z.B. Lernspiele am Computer) gute Leistungen erzielen. Eventuell lassen sich aus diesen Befunden auch Therapiebausteine entwickeln, die auf eine Erhöhung der Motivation des Kindes bei der Bearbeitung geistig anstrengender Aufgaben (z.B. Hausaufgaben) zielen und so zu einer Verbesserung der Symptomatik beitragen könnten.

Modelle zur Ätiologie
Integrative Modelle (Lauth und Schlottke, 2002) zur Manifestation und Aufrechterhaltung des Problemverhaltens gehen von (1) Beeinträchtigungen in den neurobiologischen Grundlagen der Aktivierungsregulation, (2) Einschränkungen in den Selbstkontrollkompetenzen, (3) unzureichende Verhaltenssteuerung, (4) problematische Reaktionen der Umwelt und (5) ungünstige reaktive Verarbeitungen bei Kindern mit ADHS aus.

4. Therapie

4.1 Pharmakotherapie bei ADHS

Der Wirkmechanismus von Methylphenidat (Ritalin) liegt in einer Stimulierung der Dopaminfreiseitzung. In der Pharmakotherapie haben sich vor allem Psychostimulanzien als wirkungsvoll bei ADHS erwiesen (Wirkstoff: Methylphenidat; Handelsnamen der Medikamente: Ritalin, Medikinet, Concerta). Bei ca. 75 % kommt es zu einer deutlichen Reduzierung der Symptomatik.: Die Produktivität und Genauigkeit bei schulischen Leistungen nehmen zu, die Konzentrationsfähigkeit und die Impulsivität bei einfachen Aufgaben verbessern sich, hyperkinetisches und impulsives Verhalten vermindern sich deutlich. Vermutlich als Folge der Symptomverringerung vermindert sich das aggressive Verhalten, verbessert sich die soziometrische Position des Kindes und kommt es zu einer Verbesserung der Mutter-Kind-Interaktion. Hinsichtlich der Dosierung zeigt sich eine lineare Beziehung zwischen Dosis des Medikamentes und kognitiven Leistungen bzw. Verhaltensänderungen.mehr Infos zu den Medikamenten Ritalin, Medikinet, Concerta und Strattera

Als Alternative zu Methylphenidat kann der Wirkstoff Atomoxetin angesehen werden. Atomoxetin ist ein Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer der in dem Medikament Strattera © bereits in den USA und Großbritannien zugelassen ist und seit März 2005 auch in Deutschland seine Zulassung erhalten hat. In einer Studie von Prof. Jan Buitelaar von der Universität Nijmegen zeigte sich eine gute Wirksamkeit von Atomoxetin bei ADHS. Ein weiteres Ergebnis der Studie war, dass nach initialer, einjähriger Behandlung ein Absetzversuch sinnvoll sein kann. Die Responderrate liegt bei 80% und auch die Wirksamkeit ist mit Präparaten, die Methylphenidat enthalten vergleichbar.

 

4.2 Verhaltenstherapie bei ADHS

Therapieprogramme
In den letzten Jahren wurden einige verhaltenstherapeutische Therapieprogramme entwickelt. Zum Beispiel das Selbstinstruktionstraining von Lauth und Schlottke, die ein Gruppentraining konzipiert haben. Genannt werden sollte auch das Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP) von Döpfner, Schürmann und Fröhlich mit verschiedenen Therapiebausteinen, die je nach Indikation unterschiedlich realisiert werden.In diesem Zusammenhang sollte auch noch das Marburger Konzentrationstraining für Schulkinder(MKT) und das „Konzentrationstrainings-Programm für Kinder“ genannt werden.

Das MKT wurde von Krowatschek, Albrecht und Krowatschek entwickelt und richtet sich an konzentrationsgestörte Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren. Das Trainingsprogramm ist insbesondere für Kinder mit einem impulsiven Arbeitsstil geeignet.Das „Konzentrationstrainings-Programm für Kinder“ besteht aus spezifischen Trainingsprogrammen für bestimmte Altersgruppen (Vorschulalter, 1. und 2. Schulklasse sowie 3. und 4. Schulklasse). Die Trainingsaufgaben werden detailliert aufgelistet und eine Durchführungsanleitung gegeben.

Studien
In einer großen Studie von Owens et al. (2003) wurden verschiedene Therapiesettings bei ADHS miteinander verglichen. In dieser sogenannten MTA Studie wurden 4 Behandlungsstrategien realisiert:

Grundversorgung durch den Hausarzt, mit zum Teil medikamentöser Behandlung (Ritalin).
Pharmakotherapie mit unterschiedlichen Dosierungen und monatlichen Treffen mit den Eltern.
Ein verhaltenstherapeutisches Programm mit Elterntraining, kindzentrierten Interventionen und schulbezogenen Interventionen.
Eine kombinierte Behandlung, in der die medikamentöse Behandlung (Ritalin) mit einem verhaltenstherapeutischen Programm kombiniert wurde.

Die Ergebnisse waren zum Teil überraschend, da die alleinige Pharmakabehandlung genauso effektiv war, wie die kombinierte Behandlung und die alleinige medikamentöse Behandlung effektiver war als die isolierte verhaltenstherapeutische Behandlung. Die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen zeigten jedoch eine Verbesserung bei den Schulleistungen, der Eltern-Kind Interaktion und der Verringerung oppositioneller und aggressiver Verhaltensweisen bei Kindern mit ADHS.

In einer unveröffentlichten Untersuchung au Spanien von Miranda (2005) wurde die Effektivität eines verhaltenstherapeutischen Trainingsprogramms für Lehrer hinsichtlich der ADHS-Symptomatik bei Schülern mit Aufmerksamkeitsstörungen (N=50) untersucht. In der Versuchsgruppe wurden die Lehrer in behavioralen und kognitiven Strategien trainiert, die sie während ihres Unterrichts bei den Kindern mit der Diagnose ADHS anwenden sollten. Die Lehrer der Kinder der Kontrollgruppe (n=21) erhielten kein Training. Die abhängige Variable stellte die ADHS-Symptomatik dar, welche durch Eltern- und Lehrerfragebögen und Beobachtungen in Klassenzimmern erhoben wurde. Die Ergebnisse zeigten eine Verringerung der ADHS-Symptomatik und eine Verbesserung der Schulnoten bei Kindern der Experimentalgruppe.

 

Literaturtipps

Als gutes kinder- und jugendpsychiatrisches Grundlagenwerk zum Thema ADHS (inklusive Diagnostik) kann das Praxishandbuch ADHS von Kahl, Puls und Schmid empfohlen werden. Viel praktisches Wissen aus dem psychotherapeutischen Alltag findet sich in dem Buch von Armin Born und Claudia Oehler Lernen mit ADS-Kindern. Ein empfehlenswerter Elternratgeber ist der von Schäfer und Gerber mit dem Titel AD(H)S – Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

Inhaltlich verwandte Texte

Medikamente – recht ausführlicher Grundlagentext über die medikamentöse Behandlung bei ADHS
Psychotherapie – Darstellung der psychotherapeutischen Therapiemanuale
Diagnostik – Text über die Diagnostik bei ADHS

Genannte Quellen

Martin, N.C., Levy, F., Pieka, J. & Hay, D.A. (2006). Genetic study of attention deficit hyperactivity disorder, conduct disorder, oppositional defiant disorder and reading disability. International Journal of Disability, Development & Education, 53, 21-34.